Ein Haus ist kein Wegwerfprodukt

Christian Meier ist Dozent für Klima- und Energiekultur am Institut für Konstruktives Entwerfen der zhaw. Als Nachhaltigkeitsexperte im Bauprojekt Aeschenplatz 6 in Basel zeigt er auf, welche konkreten Massnahmen dabei helfen, Gebäude klimafreundlicher zu bauen und Ressourcen gezielt wiederzuverwenden.

 

Herr Meier, wie gross ist der ökologische Fussabdruck der Baubranche?

Alles in allem macht die Bauwirtschaft etwa 30% der Treibhausgasemissionen der Schweiz aus. Ein grosser Teil davon geht auf den Betrieb der Gebäude zurück – also Heizen, Warmwasser aufbereiten usw. Der Rest ist sogenannte graue Energie. Sie stammt aus der Herstellung von Baumaterial wie zum Beispiel Beton, aus der Bautätigkeit und aus Transport, Lagerung und Entsorgung von Materialien. 

 

Findet heute bereits ein Umdenken statt, wie dies vermindert werden kann? 

Ja, zum Glück fordern dies unter anderem meine Studierenden ein – eine neue Generation von Architekt:innen. Es ist eine Frage der Einstellung und Bereitschaft, die ökologische Nachhaltigkeit in jeder Bauphase mitzudenken. Bestehende Gebäude müssen als Ressource verstanden werden. Es kann nicht sein, dass wir jedes Haus abbrechen. Studien zeigen, dass der Bausektor in die richtige Richtung geht – wir müssen einfach vorwärts machen. Ich finde, wir sind den nächsten Generationen gegenüber zu einer positiven Zukunftsvision verpflichtet und müssen entsprechende Prioritäten setzen. 

 

Als Nachhaltigkeitsexperte setzen Sie sich genau dafür ein. Was ist das Besondere an der Lösung für den Aeschenplatz 6?

Das bestehende Gebäude ist eine massive und leistungsfähige Betonkonstruktion aus den 1980er Jahren. Es hat seine Lebensdauer noch lange nicht erreicht. Die bestehende Tragstruktur abbrechen und die verbauten Ressourcen vernichten, wäre wie Lebensmittel wegwerfen, bevor sie ablaufen. Klüger ist es, ein Rezept zu finden, um damit zu kochen. Die Frage war also: Wie können wir die Lebensdauer des Gebäudes um weitere Jahrzehnte verlängern? Indem wir die bestehende Tragstruktur und die hochwertige Fassadenverkleidung erhalten und aufstocken. So sparen wir 8'600 Tonnen CO₂ ein und machen das Projekt 80% emissionsärmer.

 

Warum machen das nicht alle Bauprojekte so?

Gute Frage! Es gibt sicher mehrere Gründe. Unter anderem ist es ist ein Gesellschaftsproblem, dass wir weniger mit dem Bestand bauen. Neues, Grösseres, Höheres ist eher gefragt. Und die eher tiefen Kosten für den Abbruch entsprechen kaum der tatsächlichen Umweltbelastung.

 

Zudem ist die Planung eines Umbaus anspruchsvoller und aufwändiger als ein Neubau. Mit dem zu arbeiten, was schon vorhanden ist, bringt auch Einschränkungen. Die Architekt:innen müssen die Qualitäten und das Potenzial des bestehenden Gebäudes erkennen. Beim Aeschenplatz 6 erwies sich die Tragstruktur als Geschenk: Sie war bereits für eine spätere Aufstockung ausgelegt. Es bot sich an, drei zusätzliche Geschosse auf das bestehende Gebäude zu bauen. Das Vorgehen am Aeschenplatz 6 ist beispielhaft für ressourcenschonendes und klimagerechtes Bauen.